Klaus Albrecht Schröder

Malerei als poetische Entäußerung des Unbewussten

Der Titel der Ausstellung "Augentore" scheint auf ein Realismusproblem der Kunst zu verweisen. Nicht nur der erste Teil des Begriffspaares, auch der zweite steht, wenn man ihn ernst nimmt, quer zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Zeichnet sich doch diese vor allem dadurch aus, dass sie nicht län¬ger dem Sehsinn folgt. Auch versteht sie das Bild nicht länger als ein Fenster zur Wirklichkeit, als solches hat der Renaissancetheoretiker Leon Battista Alberti die Malerei folgen reich für die näch¬sten fünf Jahrhunderte begriffen.
Tatsächlich hat sich der Status des Bildes in der Moderne, auf seinem weiten Weg von Giotto bis Cezanne, so sehr geändert, dass man selbst bei gegenständlichen Bildern des 20. Jahrhunderts schwerlich davon sprechen kann, sie zeigt uns das, was nach dem Öffnen der Fensterflügel und Tore an fiktiver Wirklichkeit sich vor unseren Augen zuträgt: Die Kunst wurde autonom. Sie wird von der Wirklichkeit weder bestätigt, noch widerlegt.

Vor diesem Hintergrund scheint der Titel "Augentore" retrospektiv. Er ist es nicht. Natürlich gibt es in den Bildern Leopold Koglers eine unterschwellige Gegenständlichkeit. Auch erinnern nicht nur die Bildtitel, sondern die Gemälde und Aquarelle selbst an jenen Traditionsstrang von der Romantik bis zum Surrealismus, von William Turner bis zu Paul Klee und Mire, der nicht gerade einen Ausweis an Anti-Illusionismus darstellt. "Melodie der Nacht", "Gefärbter Regen", "Mohnblumenkelch", "In Erwartung", "In der Morgendämmerung" oder "Naturouverture" riskieren ohne jegliche ironische Distanz an ihrem eigenen Anspruch und der Poetisierung der Welt zu scheitern.

Dabei ließen die künstlerischen Anfänge Koglers dergleichen Lyrismen nicht erwarten. Wer bei Oswald Oberhuber und Bazon Brock erfolgreich studiert, ist lebenslänglich imprägniert gegen unre¬flektiertes und bewusstloses Schaffen. Nicht jedoch gegen Spontanität. Letztere ist ein integraler Bestandteil von Oberhubers Konzept des permanenten künstlerischen Richtungswechsels.
Es war nicht die Ausbildung an der Hochschule für angewandte Kunst, die Leopold Kogler zu sich selbst geführt hat, es war vielmehr der sprichwörtliche Hunger nach Bildern in den achtziger Jahren, der die Rückkehr zur Malerei veranlasst hat. Nicht zufällig gehört Kogler der Generation der Anzinger, Bohatsch, Damisch und Scheibl an; deren Vorbilder Markus Lüpertz, Georg Baselitz oder Christian Ludwig Attersee spürt man noch in der Malerei Koglers. Von allen dürfte ihm Attersee am nächsten stehen. Wie bei diesem ist auch für Leopold Kogler die Gegenständlichkeit eine Frage der maleri¬schen Unschärfe. Der Verzicht auf Deutlichkeit und Präzision schwächt jedoch nicht die Suggestion, er stärkt sie.

Am nächsten kommt Koglers Bildern wohl der Ausdruck: "Sie sind in der Schwebe". Gefördert wird das durch eine grundsätzlich dezentrale Kompositionsweise. Die Bildteile folgen nicht der Macht der Mitte, eine Hierarchie der Gegenstände und ihrer Bedeutung findet weder in der Großform durch die kompositionelle Ordnung, noch koloristisch statt: Azur und mitternachtsblau, chromgelb und die Nichtfarben Weiß und Schwarz kommen gleichwertig und gleichrangig miteinander ins Gespräch. Künstlerisch verdankt sich diese Vorgangsweise der surrealistischen Methode der ecriture automatique. Palimpsestartig legt sich Schicht um Schicht wie die verschiedenen Stufen des Bewussten und Unbewussten übereinander und gebiert dergestalt schlussendlich ein komplexes Psychogramm, das zum Besten zählt, das die Kunstgeschichte an Entäußerung kennt: Entäußerung als inwendiges Malen. Es bedarf jedoch der formalen und koloristischen Sicherheit von Leopold Kogler, um sich dem unkontrollierten Schaffensvorgang so ausliefern zu können, ohne ästhetisch zu scheitern.

Die Bildstärke von fünf bis zehn Zentimeter designiert die Gemälde noch einmal als Objekte auf der Wand; sie sind keine Fenster zur Wirklichkeit. Der Ausstellungstitel "Augentore" führt in die Irre. Nichts ist er weniger als eine Referenz an die Jahrhunderte währende Geschichte des Naturalismus; wie die Titel der Bilder zählt jener der Ausstellung zu den dichten poetischen Metaphern, die Leopold Kogler wie kein zweiter unter den zeitgenössischen Künstlern zu malen imstande ist.